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ArtEvent 2015 präsentiert Towering
Eröffnungsrede / Dr. Jürgen Bräunlein

Die Lust, kleine Türme gezielt umzustoßen, zeigt sich schon bei 1-Jährigen. In einem Alter also, wo man selbst noch recht wackelig auf den Beinen steht. Der Wille und die Fähigkeit Türme aufzubauen, kommen aber erst später. Der Wunsch über sich selbst hinauszuwachsen.

Zunächst stapeln Kinder Bauklötze und andere Gegenstände ihres Vertrauens vertikal. Sie finden heraus, was zu tun ist, damit ihre Konstruktion nicht umfällt. Mit zwei Jahren gehen sie in die Horizontale, legen Gleisstücke von Spielzeugbahnen aneinander, finden aber rasch wieder zur Höhe zurück. Dann wird Vertikales mit Horizontalem verbunden. Kinder konstruieren Treppen und Rutschbahnen - Metaphern ihres zukünftigen Lebens als Erwachsene.

Wir finden uns also damit ab und machen das Beste daraus. Aus diesem menschlichen Urtrieb, nach oben zu klettern, in die Höhe zu bauen, Türme zu errichten. Unsere Vorfahren waren die Lehrmeister. Vom Säbelzahntiger verfolgt, gab es nur eine Rettung. Schnell rauf auf den nächsten Baum. Auch wenn man dann später dort oben verhungert ist oder vom Blitz getroffen wurde. Eine Alternative wäre - wenn noch etwas Zeit bliebe - sich nach unten in die Erde zu wühlen, wie ein Maulwurf. Maulwürfe buddeln sich, bei Feueralarm und ähnlichen Gefahren, so tief in ihren Bau wie sie nur können.

Man sieht der Höhentrieb ist eine prekäre Veranlagung, weiß man doch nie, ob das Rettende vielleicht unten wartet - und eben nicht oben. Andererseits: wer auf allen Vieren zur Welt kommt und das Aufrecht gehen mit Erfolg gelernt hat, schaut doch lieber nach oben. Gebeugt wird man früh genug. Und die Anziehungskraft des Himmels ist ungebrochen, auch wenn Frau Holle heute populärer ist als der liebe Gott - jedenfalls bei uns. Man ist wohl kein Mensch, hat man nie den schmerzhaften Rausch schwindelnder Höhen genossen.

"towering", dem Englischen entlehnt, bedeutet mehr als nur "Turm". "towering" meint den menschlichen Drang in die Höhe, den Schwindel und die Erkenntnis dabei, aber auch die Hybris, die mit jedem Höhenflug verbunden ist. Deshalb trägt diese Ausstellung hier den Titel "towering". Und es passt wunderbar zu dieser Stadt: Teltow - teltower - Teltowering.
Manchmal sind Anglizsmen eben durchaus sinnvoll.

Mit "Towering" lädt die Künstlergruppe ArtEvent zum 15. Mal zu ihrem jährlichen temporären "KunstEreignis" ein. Wir befinden uns im Alten Kesselhaus der Biomalz-Fabrik, errichtet 1911, ein imposantes Zeugnis regionaler Industriegeschichte. Das Gebäude selbst gab den Impuls für das Thema.

Der im Mauerwerk eingelassene turmartige Schlot, heute funktionslos, doch von bizarrer Schönheit, hat die zehn Künstler von ArtEvent mit inspiriert.

Zwei Wochen lang wurde hier gebogen und gesägt, gezeichnet und gemalt, geklebt und genagelt, entworfen und wieder verworfen, vor allem aber in die Höhe gebaut. Ein riesiges, mittlerweile abgebautes Metallgerüst lud zu waghalsigen Konstruktionen ein, schließlich sollten die entstehende Kunstwerke in den Dialog mit der Umgebung treten - und die ist nun mal viel höher als herkömmliche Galerien.

Auch hier sind es die Kraftanstrengungen von vielen Menschen, die das Ganze möglich gemacht haben: ArtEvent dankt den Gemeinden Stahnsdorf und Kleinmachnow und der Stadt Teltow für die freundliche Unterstützung.

Kultur ist ein Standortfaktor.
Künstler steigern das Bruttosozialprodukt.
Bleiben Sie den Künstlern der Region auch in Zukunft gewogen!

Ein ganz besonderer und sehr herzlicher Dank geht an Julianne Karsten von der Biomalz Gewerbehof GmbH. Schon zum zweiten Mal darf Art Event hier gastieren. Die Künstler haben sich so wohl gefühlt, die Gefahr besteht, dass sie nochmals kommen. Merci beaucoup!