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ArtEvent 2016 präsentiert Cut
Eröffnungsrede / Dr. Jürgen Bräunlein

Am Anfang war nicht das Wort, sondern der Stein. Der scharfkantige Stein, der auf dem Boden lag und in den unsere Vorfahren mit nackten Füßen ohne es zu wollen hineingetreten sind. Der Schmerz, das fließende Blut und die klaffende Schnittwunde haben ihnen gezeigt, was Schärfe bedeutet. Und was sich andererseits Tolles damit anstellen lässt. Gesegnet sei die Erfindung des Messers!

Das Messer ist nämlich kein Iphone, sondern ein Werkzeug, um in der Wildnis zu überleben. Speere schnitzen für die Jagd, Kadaver zerlegen für Fleisch und Eiweiß. Noch heute ist das Taschenmesser wichtiger Teil eines jeden Survival-Rundum-Sorglos-Pakets. Nicht nur bei Pfadfindern. Das Taschenmesser gehört in die Hosentasche, den man braucht es von morgens bis abends.

Denn das Taschenmesser ist mehr als ein Taschenmesser, es ist eine Metapher. Eine Metapher dafür, dass wir uns die Welt tagtäglich zu recht schneiden müssen, damit wir uns in ihr wohlfühlen können.

Tisch und Stühle auf den Dielen, Filetspitzen und Kartoffelchips auf dem Teller, Bilderrahmen und Spiegel an der Wand. Wir schneiden anderen Menschen das Wort ab, weil sie zu viel reden. Schneiden an uns selbst herum. Die Haare ab, die Fingernägel kurz. Das gehört zur Zivilisation dazu.

Handwerker und Ästheten wissen: Es gibt gute und weniger gute Schnitte. Der Goldene Schnitt gibt das rechte Maß für proportionale Schönheit, der Durchschnitt hingegen ist der Todfeind jeder Individualität. Mit dem Durchschnitt betritt man ein echtes Horror-Kabinett. Gebärfähige Frauen in Deutschland haben im Durchschnitt 1,47 Kinder. Das zum Beispiel möchte man sich lieber nicht so genau vorstellen!

Die Welt mit ihrem hereinstürzenden Chaos! Wir könnten sie gar nicht bewältigen, würden wir nicht mit dem kleinen Ausschnitt anfangen. Die Natur hat das auch schon gut für uns eingerichtet. Nehmen wir das Gesichtsfeld: Ohne die Augen zu bewegen, können wir gerade einmal einen Winkel von 176 Grad überblicken. Was sich hinter unserem Rücken abspielt, sehen wir nicht. Ist oft genug auch besser so.

Was uns von Tieren unterscheidet: wir schneiden nicht nur an der Welt herum, wir setzen das Geschnittene auch neu zusammen. Im besten Fall erreichen wir mit dem neuen Zuschnitt eine Verbesserung oder wenigstens eine Erweiterung des Möglichen.
Denken Sie nur an Formschinken und Fischstäbchen, an Patchwork-Decken oder Patchwork-Familien. Bei Patchwork-Familien wird das soziale Miteinander ganz neu geregelt. Von der Wortherkunft her - kommt Scheiden übrigens vom Schneiden. Bei vielen Ehescheidungen wird es dann ja auch besonders schmerzhaft, deshalb dann die vielen schrecklichen Rosenkriege!

Partikel der Wirklichkeit auswählen und neu zusammenfügen, das ist eine der vorrangigen Aufgaben vor Künstlern. Vor allem die Dadaisten betrieben das exzessiv in ihren wilden Collagen und Montagen. Kurt Schwitters, Hans Arp oder Hannah Höch sind Beispiele. Manchmal führte dabei auch der Zufall die Regie. Der Dadaist Tristan Tzara, gab ein Gebrauchsanweisung, wie man ein modernes Bild-Gedicht schreibt. Und zwar so:

"Schneidet sorgfältig jedes Wort eines Zeitungsartikels aus und gebt sie in eine Tüte, schüttelt leicht...
Schreibt gewissenhaft ab, in der Reihenfolge, in der die Schnipsel dann aus der Tüte kommen..."

Doch wenn von Schnitt und Montage die Rede ist, landet man natürlich zu allererst im Kino. "Ein andalusischer Hund", so heißt ein Film von Luis Buñuel und Salvador Dalí, der 1929 in Paris zum ersten Mal gezeigt wurde. Ein Meilenstein des surrealistischen Films. Seltsame, auch unwirkliche Szenen, angeblich von den Machern selbst geträumt, werden scheinbar willkürlich aneinander gereiht. Eine halbwegs erzählbare Handlung gibt es nicht.

Vor allem eine Sequenz am Anfang erlangte Weltruhm. Man sieht den Mond in der dunklen Nacht, eine weiße Fläche. Dann zieht eine Wolke vorbei und teilt den Mond. Schnitt! In der nächsten Einstellung sieht man das Auge einer Frau, genau dort, wo vorher der Mond war. Dann wird ein Rasiermesser durch das Auge gezogen. Schnitt! Aber es fließt kein Blut!

Diese Sequenz schockiert heute noch. Sie ruft Urängste bei allen Menschen wach, völlig unabhängig vom kulturellen Kontext. Jeder Mensch hat eben Augen und möchte sie verständlicherweise behalten. Bei dem Dreh kam auch keine Frau zu schaden. Benutzt wurde ein Kuhauge, das stark überbelichtetet wurde. Was aus der Kuh geworden ist, weiß man nicht.

Warum zitiere ich diesen Film? Er bietet die allerbeste Einführung in das Thema der Ausstellung. Der Filmausschnitt zeigt beispielhaft, was es heißt, Welt zu zerschneiden und neu zusammen zusetzen. Und was wir dabei als Zuschauer alles erleben können: Überraschung, Irritation oder auch einen echten Schock, wenn wir eine Gewalttat ansehen müssen.
Doch die Gewalttat gegen das Sehorgan hat hier noch eine andere Bedeutung: Die Wirkung des Mediums Films basierte schon immer auf der Überwältigung des Auges.

Schnitt oder Cut ist in diesem Jahr das Thema der Künstlergruppe Art Event. Die Einladung spielt auf den Film "Ein andalusischer Hund" an. Nur wurde aus der Kuh eine Kartoffel. Und diese Kartoffel hat ihr Auge an der richtigen Stelle. Und der Schnitt mit dem Messer ist hier auch keine Gräueltat, sondern eher eine ironische Hommage: Eine Kartoffel kennt keinen Schmerz. Denn Gemüse kann nicht weinen.
Und auch Sie, meine Damen und Herren, werden diese großartige Ausstellung unbeschadet überstehen!