Presse

ArtEvent 2014, Eröffnungsrede
(Dr. Jürgen Bräunlein)

Zeit. Kann man sie sehen oder wenigstens hören? Nagt sie an den Dingen oder gerät sie, wenn man Pech hat, aus den Fugen?
Vergeht sie heute schneller als früher? Doch wer will das beweisen? Und warum hat sie neuerdings Fenster, die wir dann für unsere Mitmenschen öffnen? Und warum fürchten wir uns vor dem älter werden, wo doch die Gemeinde Stahnsdorf derzeit so überschwänglich gefeiert wird, weil sie so steinalt geworden ist?

Und Arbeit. Arbeiten wir, um zu leben, oder leben wir, um zu arbeiten? Weil wir Protestanten sind und uns sonst langweilen würden. Doch was ist überhaupt Arbeit? Gehören das Putzen und das Babystillen dazu? Und arbeiten Künstler? Sie werden doch von der Muße geküsst und schlafen bis zum Nachmittag. Arbeiten sie aber doch, wie soll man sie dann bezahlen? Ist der Mindestlohn ausreichend? Oder darf's etwas mehr sein? Der Stundensatz eines Handwerkers vielleicht? Oder wäre das Gehalt eines Facharztes angemessen? Aber ist das nicht viel zu viel? Und nicht zuletzt: sollten nicht auch Sie, meine Damen und Herren, dafür bezahlt werden, dass Sie sich Kunst überhaupt anschauen?

Zeitarbeit - das ist das Thema der Künstlergruppe ArtEvent in diesem Jahr. Zum 14. Mal setzt die Gruppe einen anregenden, vielleicht poetischen, im schönsten Fall überraschenden Akzent in der Region. Eine Woche lang arbeiteten zehn Künstlerinnen und Künstler hier auf dem Hof mit dem kniffeligen Ziel, Zeit sichtbar zu machen. Ein glücklich gewählter Ort dieser Hof, der mit seinen noch erhaltenen Scheunen und Ställen von einer fernen Zeit erzählt - die bis in die Gegenwart hineinragt und Zukunft hat. Hier haben sich die ersten Einwohner der Gemeinde Stahnsdorf im 18. Jahrhundert niedergelassen.

Ab heute und dann noch eine Woche lange können Sie erleben, was Bildhauern, Malern, Konzeptkünstlern und einer Textilkünstlerin zur Zeitarbeit eingefallen ist. Sie können sehen, wie sich die Künstler hier zwar nicht verewigt haben, doch immerhin: sie haben mit Eisen und Sand, Porzellan und Papier, Draht und Aquarell temporär ihre Spuren gelegt. Sind die Werke wieder verschwunden, wird der Hof nicht mehr derselbe sein. Das 14. ArtEvent ist dann Teil seiner Geschichte geworden.

Auch hier sind es die Kraftanstrengungen von vielen Menschen, die das Ganze möglich gemacht haben: ArtEvent dankt den Gemeinden Stahnsdorf und Kleinmachnow und der Stadt Teltow für die freundliche Unterstützung. Bleiben Sie den Künstlern der Region auch in Zukunft gewogen!

Und ArtEvent dankt herzlichst den Besitzern des Hofes, Bettina und Claudius, dass sie die Bespielung ihres geschichtsträchtigen Terrains gestattet haben. Vermutlich war es anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig, wie gleich 11 Künstler mit 11 Visionen im Gepäck in den eigenen Hof einfielen, doch wenn der Hof sprechen könnte, er wäre gewiss begeistert.

Bevor Sie sich jetzt die Zeit nehmen, sich der Kunst zu widmen, noch zweierlei: Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Darin finden Sie Fotos einiger ausgestellter Werke, aber auch Impressionen der Arbeitsphase von letzter Woche. Darin enthalten zudem Interviews mit den Künstlern sowie ein Essay über die Zeit. Für 5 Euro wandert der Katalog in Ihre Hände.

Zum Schluss noch ein Bonbon. Über Kunst reden zu hören, ist vielleicht manchmal Arbeit, aber es macht auch Spaß. Zumal, wenn die Worte aus berufenem Munde kommen. Um 16 Uhr führt die Berliner Kunstwissenschaftlerin Dr. Silke Feldhoff durch die Ausstellung. Wir freuen uns auf rege Teilnahme!